«Neue Generation – neue Ideen»

Anfang 2018 hat Samuel Elsener die Garage Elsener AG an seine beiden Söhne Samuel Christian und Thomas übergeben. Im Interview sprechen sie zusammen mit Nachfolgecoach Raimund Staubli über die geglückte Familiennachfolge.

Thomas Elsener, Samuel Elsener, Raimund Staubli und Samuel Christian Elsener (v.l.)

10.07.2019

Eine Nachfolge ist nicht nur ein geschäftlicher, sondern auch ein persönlicher Einschnitt. Wann haben Sie gemerkt, dass die Zeit dafür reif ist?
Samuel Elsener: Nachdem mein Bruder und Geschäftspartner 2013 pensioniert worden ist und meine Söhne immer stärker im Betrieb mitgearbeitet haben, habe ich gemerkt, dass unsere Vorstellungen davon, wie das Geschäft zu führen ist, auseinandergehen – zum Beispiel in Bezug auf Werbung. Eine neue Generation hat halt auch neue Ansichten und Ideen. Das hat immer wieder zu Diskussionen geführt. Ich habe mir dann ein Wochenende Zeit genommen und entschieden, die Firma an meine Söhne zu übergeben.
Thomas Elsener: Vieles wurde in der Tat noch so gemacht wie in der «guten alten Zeit». Es gab Dinge, die mein Vater nicht mehr lernen wollte. Aber das geht in einer schnelllebigen Branche wie der Autoindustrie einfach nicht mehr. Man muss schauen, dass das Geschäft auf dem neusten Stand ist – auch wenn das nicht für alle einfach ist.

Eine familieninterne Übergabe kann zu Unstimmigkeiten führen. War das auch bei Ihnen so?
Thomas Elsener: Natürlich gab es Reibungspunkte. Ein Diskussionspunkt war der Kaufpreis. Da mein Bruder und ich zum Zeitpunkt der Übergabe schon mehr als 10 Jahre im Betrieb arbeiteten und zum wirtschaftlichen Erfolg in den letzten Jahren beigetragen haben. Darum galt es auszuhandeln, wie sehr wir von dem, was wir in dieser Zeit geleistet haben, auch preislich profitieren dürfen.
Raimund Staubli: Um diesen Konflikt zu lösen, haben wir am RUZ eine Erwartungsklärung mit der ganzen Familie durchgeführt. Im strukturierten Gespräch haben wir von allen die persönlichen Erwartungen an die anstehende Nachfolge abgeholt. Dabei ist es natürlich zu Spannungen gekommen. Aber es gehört zu unserer Funktion als Coaches und Mediatoren, solche Konflikte aufzudecken, zuzulassen und eine faire, für alle tragbare Lösung zu finden.
Samuel Elsener: Es war sicher gut, dass ein Mediator vor Ort war. Ich hatte vorgängig nämlich schon andere Preisvorstellungen. Ich habe dann aber schnell eingelenkt und mich mit meinen Söhnen auf einen tieferen Kaufpreis geeinigt.
Thomas Elsener: Allein hätten wir das nicht so einfach regeln können, weil zu viele verschiedene Ansichten aufeinandergeprallt wären. Mit dem RUZ-Coach stand uns eine neutrale Person zur Seite, die allen Beteiligten Gehör verschaffte. Zum Beispiel auch unserer Schwester, die nicht im Betrieb tätig ist.

Warum war das so wichtig?
Raimund Staubli: Die Schwester arbeitet nicht im Betrieb mit. Sie wohnt aber im Haus des verstorbenen Grossvaters auf dem Firmengelände. Da waren natürlich Ängste vorhanden, dass sich diese Situation verändern könnte oder dass die Übernahme des Geschäfts eine unfaire Bevorteilung der Brüder bedeutet. In die Übernahme des Geschäfts durch die Brüder war sie vorher nicht involviert.
Thomas Elsener: Ich muss ehrlich sagen: Zu Beginn haben wir uns gar nicht so viele Gedanken um ihre Situation gemacht. Sie arbeitet als Pflegefachfrau, und es war nie ein Thema, dass sie im Betrieb mitarbeitet. Aber wir haben realisiert, dass die Entscheide, die wir im Rahmen der Nachfolge fällen, natürlich auch sie betreffen. Vor allem später auch als Erbin. Es war uns einerseits wichtig, dass unsere Schwester sieht, dass die Geschäftsübernahme kein Geschenk an uns ist, sondern auch ein Risiko für uns bedeutet. Und andererseits, dass vorgesorgt ist, wenn unsere Eltern einmal sterben.
Samuel Elsener: Im Rahmen der Nachfolge haben meine Frau und ich deshalb auch gleich alles geregelt, was es in unserem Alter zu regeln gibt – auch Dinge, die wir sonst vielleicht noch ein paar Jahre vor uns hergeschoben hätten.
Raimund Staubli: Wir haben gemeinsam also nicht nur die rechtliche Situation der Firma geklärt, sondern auch das private Vertragswerk aufgesetzt: Erbvertrag, Ehevertrag, Vorkaufsrecht, Risikoausfallversicherung, Vorsorgelösung und Patientenverfügung. So ist auch die Absicherung aller Familienmitglieder gewährt. Und ich denke, dass wir eine tragbare Lösung gefunden haben, die für alle stimmt.

Wo lagen rückblickend gesehen die grössten Knackpunkte?
Thomas Elsener: Unsere primären Ängste waren finanzieller Natur. Wir wollten verhindern, dass die Übernahme für meinen Bruder und mich eine untragbare finanzielle Belastung wird. Das betraf einerseits den Kaufpreis, aber auch die Steuern. Denn wir haben den Wert des Unternehmens ja nicht als liquide Mittel auf dem Konto. Trotzdem müssen wir das alles versteuern. Obwohl wir genauso im Betrieb mitarbeiten und Lohn beziehen wie zuvor, bezahlen wir heute Tausende Franken mehr Steuern.
Raimund Staubli: Die Angst ist auch berechtigt: Was, wenn der Preis zu hoch ist? Wenn das Geschäft nicht rentiert? Wenn die Brüder aus dieser problematischen Situation heraus ihre Schwester ausbezahlen müssen. Da ist es verständlich, dass Unsicherheiten auftreten.
Samuel Elsener: Meine Frau und ich haben versucht, die Situation zu erleichtern, indem wir unseren Söhnen ein zinsloses Darlehen gewährt und die Rückzahlungsvereinbarung so flexibel wie möglich gestaltet haben: Sie werden dann Rückzahlungen machen können, wenn sie ein gutes Geschäftsjahr gehabt haben. Auch wenn ich den Betrieb nun übergeben habe, ist es ja auch in meinem Sinn, dass er finanziell gesund in die Zukunft geht. Und wenn mir Kundinnen und Kunden sagen, wie toll «die Jungen» den Betrieb nun führen, freut mich das sehr. Es stimmt mich zuversichtlich, dass sie in dieser für das Autogewerbe nicht einfachen Zeit bestehen können.

Wie schwierig war es schliesslich für Sie, loszulassen?
Samuel Elsener: Ich hatte zeitweise schon dieses Gefühl, etwas überflüssig zu sein. Das hatte aber nichts mit den Söhnen zu tun. Während 45 Jahren habe ich von morgens bis abends die Geschicke des Unternehmens bestimmt und geleitet. Ich bin jeden Tag gerne zur Arbeit gegangen. Es war eine gute, aber auch intensive Zeit für mich.
Raimund Staubli: Das kommt häufig vor. Ich mache als Nachfolgecoach oft die Erfahrung, dass eine Geschäftsübergabe nicht nur wirtschaftliche und rechtliche, sondern eben auch emotionale Fragen aufwirft. Dabei ist es wichtig, dass die wunden Punkte auch wirklich offen angesprochen werden.
Thomas Elsener: Unser Vater übernimmt auch heute noch diverse Aufgaben, pflegt Kundenbeziehungen oder führt Autos vor. Sein grosses Wissen kommt uns immer wieder zugut. Dafür sind wir sehr dankbar. Ich denke, das ist der Vorteil einer familieninternen Nachfolge: Der Seniorchef muss nicht von heute auf morgen von 100 Prozent auf 0 zurückfahren.

Über die Garage Elsener AG

Die Garage Elsener AG in Elsau bei Winterthur wird heute in dritter Generation geführt. Hans Elsener hat das Geschäft 1953 gegründet. Ab 1970 führten seine Söhne Samuel und Erich Elsener den Betrieb. Seit 1999 beziehungsweise 2006 arbeitet mit Samuel Christian und Thomas Elsener auch die dritte Generation im Betrieb mit. Die Brüder übernahmen im Laufe der Zeit immer mehr Verantwortung und waren schon vor der eigentlichen Übergabe für das operative Geschäft verantwortlich. Per 1. Januar 2018 haben die beiden die Garage Elsener AG offiziell übernommen. Die Garage verkauft Neu- und Occasionswagen, führt Reparaturen und Services durch und ist offizielle Citroën-Vertretung. Über 10 Mitarbeiter sind bei der Garage Elsener AG beschäftigt, darunter auch Lehrlinge und Praktikanten.

Quelle: Bhend, Bettina: «Neue Generation — neue Ideen», in: Savoir Faire (2/2019), S. 18-20.